19. Spielzüge

Merlin war der erste, der nach einiger Zeit wieder recht klar bei sich war. Er hatte natürlich sofort Morganas widerliches Lachen erkannt und stellte sich so schnell er konnte auf die Füße. Auch die anderen taten es ihm gleich. Jade presste sich so weit sie konnte an die hinterste Ecke ihres Gefängnisses und Elle blieb bei ihr um sie zu schützen. Leeana dagegen versuchte, sich ihre Angst und ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen: Dass sie Angst hatte, konnte Merlin spüren. Auch, wenn die telepathische Verbindung zwischen ihnen hier und jetzt nicht mehr funktionierte. Es schien tatsächlich so zu sein, wie sie befürchtet hatten: Merlin spürte seine Macht nicht mehr, und auch er bemerkte die Barriere um sie herum. Doch gleichzeitig beruhigte es ihn zumindest ein wenig, dass er genau das gleiche Flimmern auch um Morganas Gefängnis herum sehen konnte. Auch ihre Macht war ausgeschaltet.

Dann hörte er ihre Stimme, als sie zu ihm sprach: “Hallo Merlin - so sieht man sich wieder, “alter Freund”…” Ihre Stimme troff vor Ironie. Merlins Augen sprühten Funken, als er ihr antwortete: “Wir waren nie Freunde und werden es niemals sein! Hexe!”
Morgana täuschte einen tiefen Seufzer der Enttäuschung vor und antwortete ebenfalls: “Oh, tatsächlich - ich hatte mir zumindest eingebildet, dass wir das einmal waren; vor sehr, sehr langer Zeit - erinnerst du dich nicht mehr?” Zähneknirschend antwortete ihr Merlin nach einigen Sekunden: “Doch, ich erinnere mich! Damals warst du nicht annähernd so machtbesessen wie du es jetzt bist! Jetzt bist du nur noch eine Hexe, und zur Zeit jeglicher Magie beraubt! Ich werde dich bekämpfen und besiegen, warte nur, die Zeit wird kommen!”
Morgana lächelte nur müde und blickte ihm in die Augen, als sie ihm die passende Antwort gab: “Na, ich hoffe nur, dass du weißt, dass auch du keinerlei Macht mehr besitzt; also, dann überleg dir mal schön, wie du mich besiegen kannst”..

Dann fiel ihr Blick plötzlich auf Leeana, die neben Merlin stand und zumindest scheinbar versuchte, sich keinerlei Gefühle anmerken zu lassen. Es schien nicht so, als wäre sie in irgend einer Weise verletzt oder angegriffen… Jedenfalls nicht so, wie sie es sein sollte, nachdem dieser Söldner mit ihr das getan hätte, was sie ihm aufgetragen hatte.
Morgana ahnte, dass Merlin es wohl in letzter Minute verhindert haben musste, sonst würde das Mädchen so nicht bei ihm stehen. Sie wurde wütend. Doch dann lächelte sie erneut. Sie ahnte, dass die beiden eine besondere Beziehung zueinander hatten, die wohl natürlich auf Freundschaft, aber in erster Linie auch auf Vertrauen beruhte - und Morgana fragte sich, was Leeana wohl dazu sagen würde, wenn sie wüsste, dass Merlin dieses Vertrauen missbraucht hatte? Denn irgendwie konnte sie sich denken, dass Merlin dem Mädchen nichts von dem erzählt hatte, was beinahe mit ihr geschehen wäre…

Langsam wandte sie sich an Leeana und fragte, scheinbar völlig ohne Zusammenhang: “Na, meine Kleine? Ich hoffe, es geht dir gut, und du hast den kleinen “Eingriff” gut überstanden? Hat Merlin dir dabei geholfen, es zu verarbeiten? Sicher hat er das, als guter Freund, nicht wahr?” Leeana schaute verwirrt von Morgana zu Merlin und wieder zurück. “Von was redet Ihr?” fragte sie auch schon und bevor Morgana antworten konnte, hörte sie ein Knurren, das von Merlin ausgestoßen wurde. Dann sprach er an Morgana gewandt: “Du Brut der Hölle - wag es ja nicht…” Weiter kam er nicht. Morgana lachte laut auf. “Oh, er hat dir nichts davon erzählt? Dein bester Freund auf dieser Welt hat dir nicht erzählt, dass ich meinen Diener Lassar ausgesandt hatte, dich zu schänden? Und er es wohl beinahe auch getan hätte; allerdings waren deine Freunde wohl doch leider etwas schneller…”

Morgana schwieg und genoss geradezu göttlich zu sehen, wie Leeana einen Schritt von Merlin zurück wich. Sie blickte entgeistert von ihm zu Elle und Jade, die beide ebenfalls zu Morgana geschaut hatten - und nun zu ihr sahen. Und sie brauchte nicht zu fragen, ob es wahr sein konnte. Sie konnte es in ihren Augen und in ihren Gesichtern ablesen. Auch Merlin wusste, dass sie es ihnen ansehen konnte. Er wollte etwas sagen. Das war es, was er unter allen Umständen hatte verhindern wollen. “Leeana”… setzte er an, er wollte es ihr erklären; doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen: “Du… Lass… Lass mich in Ruhe - fass mich nicht an! Wie konntest du mir das verschweigen…” Sie setzte sich ebenfalls in die einzige freie Ecke, die noch da war, und sackte an den Gitterstäben zusammen. Merlin wollte zu ihr gehen, doch Elle sah ihn an und schüttelte den Kopf. Auch sie wollte zu Leeana, doch diese sah sie ebenfalls mit glühenden Augen an. Elle begriff, dass es im Moment niemanden von ihnen gelingen würde, sich ihr zu nähern.

Der Schock über das eben gehörte war zu groß. Dass jemand versucht hatte, sie zu schänden, sie ohne ihren Willen, ja sogar ohne ihr Wissen angefasst hatte war zuviel für Leeana. Und dass niemand ihrer Freunde es ihr gesagt hatte auch. Vor allem Merlin. Sie fühlte Wut in sich hochsteigen. Wut - und vor allem Enttäuschung. Abgrundtiefe Enttäuschung. Dass hätte sie nie von ihm gedacht. Sie dachte, sie konnte ihm vertrauen…
Sie schaltete ihre Gefühle aus, hörte nichts mehr um sich herum, auch Jade nicht, die ebenfalls versuchte, mit ihr zu sprechen: “Leeana! Bitte! Wir haben doch nur versucht, dich zu schützen…. Er wollte auch mich schänden, aber Merlin hat uns im letzten Augenblick gerettet…” Sie wurde von Elle unterbrochen, die begriffen hatte, dass Leeana nicht zuhörte. Nicht zuhören wollte. Sie musste alleine sein, und sie blickte zu Merlin herüber…

Sein Gesichtsaudruck erschreckte sie. Sie machte sich Sorgen. Langsam ging sie auf den Zauberer zu: “Merlin - ist alles in Ordnung?” natürlich wusste sie, dass eigentlich nichts in Ordnung war. Und so war es auch. Er blickte zu Leeana herüber, die in eindeutiger Pose an der anderen Seite ihres Gefängnisses saß und nicht einmal mehr zu ihnen herüber sah. Er hatte nicht gewollt, dass sie es erfuhr - und schon gar nicht so! Doch er wusste, dass es jetzt zu spät war. Morgana hatte gewusst, was sie tat, als sie es ihr erzählt hatte. Sie wollte einen Keil zwischen sie beide treiben; und das hatte sie geschafft. Sie hatte Leeanas Vertrauen in ihn zerstört und er konnte vorerst nichts mehr tun, um es zu retten. Noch nicht. Dennoch versuchte er es noch einmal: “Es tut mir Leid, Leeana - ich wollte dich schützen, glaub mir… Das ist der einzige Grund, weshalb ich es dir nicht erzählt habe…” “Halt den Mund, Merlin… Halt einfach deinen Mund; ich hasse dich!”… sagte Leeana - und legte sich auf die Seite.

Merlin wurde der Mund trocken. Das konnte sie nicht ernst gemeint haben. “Leeana”.. setzte er an, doch Elle war zu ihm getreten und schüttelte den Kopf. “Lasst sie in Ruhe… Sie braucht jetzt einige Zeit für sich!” sagte sie nur und ging zurück zu Jade. Sie alle waren entgeistert darüber, was gerade geschehen war. Merlin blickte von Leeana zu Elle - und dann zurück zu Morgana. Er trat so weit es ihm möglich war an die Stäbe seines Gefängnisses, und sagte leise, aber dennoch gut hörbar: “Ich werde dich vernichten! Und es wird kein leichter Tod sein, du Monster!”
Er hörte ein Lachen, als Morgana ihm antwortete: “Und ich freue mich bereits darauf - “Magier””; das Wort “Magier” spie sie so aus, dass die Ironie beinahe heraus tropfte. Doch aus den Gesichtern der beiden sprach purer Hass…

Merlin stand immer noch an den Gitterstäben und seine Finger verkrampften sich, als er sie fest umschlossen hielt. Er überlegte sich die ganz Zeit, wie er es schaffen sollte, seine Erzfeindin zu besiegen. Hier hatte er keine Macht dazu. Morgana zugegebenerweise auch nicht, was ihn zumindest auch ein wenig beruhigte; aber das bedeutete, dass er hier auch keine Chance hatte, mit ihr zu kämpfen. Während er noch hin und her überlegte, wie er es schaffen sollte, wurde ihm die Entscheidung abgenommen.
Nirar hatte die Auseinandersetzung zwischen Merlin und Morgana mitbekommen - die beiden hatten die Kamera in dem Raum ganz vergessen - und wusste, dass nun der geeignete Augenblick gekommen war um den Kampf geschehen zu lassen. Er wusste auch, dass er die beiden zuerst ausschalten musste, bevor er sie in die Kampfarena schicken konnte. Keiner von beiden würde sich freiwillig dorthin bringen lassen und schon gar nicht zusammen. Vorher würde zumindest Morgana etwas unternehmen - und bei dem Zauberer war sich Nirar auch nicht mehr sicher, was dieser tun würde, nachdem was gerade geschehen war…

Also gab er seinen Dienern Befehle, die diese auch sofort ausführen. Ein langsam wirkendes Gas wurde in den Gefängnisraum eingeführt, und nach wenigen Sekunden waren alle Gefangenen Wesen dort eingeschlafen. Auch Merlin, Leeana, die immer noch in ihrer Ecke des Gefängnisses lag und sich vorher schon nicht mehr gerührt hatte, Elle und Jade. In der anderen Zelle lag Morgana. Keiner von ihnen hatte das Gas gerochen oder war darauf vorbereitet gewesen, und einige Sekunden später kamen maskierte Männer in den Zellentrakt und schlossen ihre Türen auf.
Sie trugen Morgana und Merlin hinaus; dann schlossen sie die Türen wieder sorgfältig zu. Die Gaseinfuhr war mittlerweile gestoppt worden. Es würde nicht mehr lange dauern, und die Gefangenen würde wieder erwachen. Dann würde ihnen auffallen, dass Merlin und Morgana fort waren…

Diese waren in eine Arena getragen und dort liegen gelassen worden. Noch waren beide ohne Bewusstsein, doch es würde auch nicht mehr lange dauern, bis auch die beiden dieses wieder erlangen würden - und dann wusste Nirar, dass ihnen DER Kampf des Jahrtausends bevorstand. Die Arena war gesichert. Er selbst hatte einen Ehrenplatz weit oben, hinter Glas und nun sah er auf die Arena hinunter. Dann drehte er sich zu einem seiner Diener um und sagte: “Holt Arthur Pendragon hierher! Er soll an meiner Seite diesem wunderbaren Treiben zusehen - aber nur ihn! Ich will keinen seiner Ritter hier sehen.” Der Diener nickte, dann entfernte er sich.

Kurze Zeit später tauchte er bei Arthur und den Rittern, die alle in einem Zimmer untergebracht waren, auf und klopfte an die Tür. Arthur wunderte sich über die Formwahrung der Etikette, sagte “herein” und wartete ab, was nun geschehen würde. Ein Diener betrat den Raum und verbeugte sich vor Arthur und den Rittern. “Mylord, mein Herr bittet Euch, mit mir zu kommen. Er möchte mit Euch ein wunderschönes Ereignis feiern.” Mehr sagte er nicht. Arthur blickte zu Sir Gwain, Sir Leon und Sir Lancelot und runzelte die Stirn. Auch ihnen war an ihren Gesichtern anzusehen, dass sie dem ganzen nicht vertrauten. “Was ist das für ein “wunderschönes Ereignis”? Ich würde gerne meine Ritter mitnehmen…” begann Arthur, doch der Diener schüttelte den Kopf: “Nein: Mein Herr sagte nur Ihr, Mylord! Eure Ritter bleiben hier. Und ich bin nicht befugt, Euch mehr darüber zu berichten. Ihr werdet mir jetzt folgen, ansonsten wird mein Herr Mittel finden, Euch auf eine andere Weise zu ihm zu bringen…” Er ließ offen, was dies für eine Methode sein sollte, und Arthur war gelinde gesagt wütend. So hatte noch nie jemand die Frechheit besessen, mit ihm zu reden; nicht einmal Merlin! Ihm fuhr ein Stich durchs Herz, als er an Merlin dachte. ‘Hoffentlich geht es ihm gut!’ dachte er, doch jetzt blieb keine Zeit für solche Gedanken. Auch nicht, um auszuprobieren, wie weit er bei diesem Diener gehen konnte, und was dieser Nirar tatsächlich tun würde, um ihn zu sich zu holen. Doch im Grunde war er der Spielchen satt. Er nickte schließlich seinen Rittern zu und sagte: “Ich komme.”… “Sire…” begann Sir Lancelot, doch Arthur winkte ab. “Schon gut. Bleibt hier, ich werde schon nicht getötet.. Außerdem möchte ich wissen, was der Grund ist, weshalb ich gerufen werde…” Dann setzte er sich in Bewegung und folgte dem Diener. Lancelot, Leon und Gwain starrten ihrem Herrn hinterher, als dieser den Raum verlassen hatte und die Tür hinter ihm wieder ins Schloss fiel. Sie waren erneut gefangen…

Langsam erwachten Elle, Jade und auch Leeana wieder und waren erst einmal orientierungslos. Doch nach einiger Zeit wussten Elle und Jade wieder, was geschehen war und sahen sich gehetzt um. Elle bemerkte als erstes, dass etwas anders war. Und dann wusste sie auch, was es war: Merlin fehlte. Gerade als es ihr auffiel, hörte sie Jades Stimme neben sich, die ängstlich fragte: “Wo ist Merlin?” Elle schüttelte den Kopf. Sie hatte keine Ahnung… Dann blickte sie zu Morganas Zelle - und erstarrte. Auch sie war fort! Und langsam kam ihr ein unglaublicher Gedanke. Beide waren nicht mehr in ihren Zellen. Sollte Nirar etwa?… Nein, dass konnte er nicht wirklich vorhaben!? Und doch ahnte sie, dass es so war. Es konnte nur einen Grund geben, dass beide Magier verschwunden waren. Nirar ließ sie anscheinend irgendwo gegeneinander antreten!

Elle wurde bleich. Jade sah es und fragte: “Elle? Du weißt doch etwas. Oder ahnst es zumindest. Was ist mit Merlin geschehen? Er ist doch nicht…?” Elle schüttelte den Kopf und blickte zu Leeana herüber. Das Mädchen war ebenfalls wach, doch sie rührte sich immer noch nicht. Ob sie nicht mitbekommen hatte, dass Merlin nicht mehr bei ihnen war oder ob sie das nicht wissen wollte, wusste Elle nicht, aber es war ihr auch egal. Sie musste mit Leeana reden. So ging es nicht weiter. Langsam ging sie zu ihr und als sie bei ihr war, kniete sie sich zu ihr. Sie legte eine Hand auf Leeanas Schulter und diese versteifte sich merklich: “Leeana, bitte. Hör mir zu…” “Sei still! Ich habe schon gesagt, ich will von keinem von euch mehr etwas wissen! Ihr habt mich alle belogen!” flüsterte sie und drehte den Kopf von ihr fort. Elle drehte ihn langsam zu ihr hin und zwang sie beinahe, sie anzusehen.

Ihre braunen Augen waren weich und warm, als sie leise zu dem Mädchen sprach: “Jetzt hör mir bitte einmal zu, Leeana. Ich weiß, was du jetzt fühlst; glaub mir, ich kann mir denken, was für ein Schock es sein muss, so etwas zu hören, noch dazu von dieser Hexe…” Elle schluckte, dann fuhr sie fort: “Aber Merlin hat es getan um dich zu schützen. Du warst ohne Bewusstsein, und hast das Schlimmste glücklicherweise nicht mehr mitbekommen. Dafür solltest du dankbar sein!” Mittlerweile war auch Jade zu ihnen gekommen und setzte sich ebenfalls neben Leeana und nahm deren Hand in ihre. Auch sie begann zu sprechen: “Leeana, Merlin hat uns beide gerettet. Der Söldner wollte auch mir dasselbe antun; konnte es aber nicht mehr, weil Merlin im rechten Augenblick kam. Er hat ihn davon abgehalten, dir - und danach auch mir - schlimmeres anzutun. Dafür solltest du ihm dankbar sein!…”

Weiter kam sie nicht. Leeana hatte aufgeblickt und ihre Augen funkelten, als sie antwortete: “Dafür vielleicht, aber er hat mich angelogen - er hat mein Vertrauen missbraucht. Warum hat er mir nicht gesagt, was geschehen ist? Er lässt mich in dem Glauben, dass alles in Ordnung ist und in Wirklichkeit ist nichts in Ordnung! Dieser Mann hat mich nackt gesehen. Er hat meine Blöße berührt.. Er hat…” Leeana begann zu weinen, dann riss sie sich wieder zusammen: “Ich wollte es von Merlin hören - nicht von dieser verdammten Hexe - hörst du MERLIN, ich wollte es von DIR hören!!!” rief sie schließlich, und dann sah sie sich endlich in der Zelle um - und erstarrte. Ihr fiel jetzt erst auf, dass Merlin nicht da war.. “Merlin? Wo ist er? Wo ist Merlin??” fragte sie und blickte irritiert zu Elle. Diese senkte den Kopf, dann nahm sie Leeanas Hände in ihre und blickte ihr erneut in die Augen. “Du musst jetzt stark sein, Leeana. Wir alle müssen das! So wie es aussieht, wurden sowohl Merlin als auch Morgana von hier verschleppt.” Leeana blickte geschockt in Morganas Zelle, ihr fiel erst jetzt auf, dass auch diese fehlte. Doch sie verstand es nicht. “Wieso…” setzte sie an, doch Elle unterbrach sie. Mit trauriger Stimme sagte sie: “Der einzige Grund, den ich mir dafür vorstellen kann ist, dass Nirar sie gegeneinander kämpfen lässt… Vermutlich in einer Gegend, in der sie ihre Kräfte wieder erlangen…”

Die Mädchen starrten sie an. Das konnte nicht sein. Jade wollte etwas sagen, doch Leeana war schneller. “Wieso? Was, was verspricht er sich davon? Er weiß doch, wie stark Morgana ist…” Elle nickte. “Ja, ich denke, dass weiß er. Und genau das ist der Grund, weshalb er es austesten will. Er will vermutlich sehen, wer von beiden stärker ist… Leeana - ich weiß, was Merlin dir bedeutet. Auch, wenn du jetzt enttäuscht von ihm bist; aber er hat es wirklich nur gut gemeint. Er war froh darüber, dass du von dem eigentlichen Geschehen nichts mitbekommen hast und er wollte, dass es so bleibt.” Mit einem Seitenblick auf Jade sagte sie mit einem kleinen Seufzer in der Stimme: “Und ich wäre froh darüber, wenn auch Jade nichts davon mitbekommen hätte. Es hat schon gereicht, dass ich es miterleben musste. Wenn du jemanden hassen musst, dann mich! Auch ich habe es dir verschwiegen - aus genau den selben Gründen und das hätte ich auch bei Jade getan, wenn sie in deiner Lage gewesen wäre. Es ist nichts geschehen, Leeana. Auch, wenn er es beinahe getan hätte.. Ja, er hat dich entblößt, aber das war auch alles, was er getan hat - und das hast du Merlin zu verdanken. Nur Merlin! Vergiss das bitte nicht…”

Leeana schluckte. Sie war wütend auf Merlin gewesen, und bis vorhin lag ihr noch so viel auf der Zunge, was sie ihm hatte ins Gesicht schleudern wollen, denn sie war immer noch der Meinung, dass er ihr Vertrauen missbraucht hatte. Doch nun sah sie es auch von einer anderen Perspektive - dank Elle… Und Merlin war nicht hier… Was hatte Elle gesagt? Dass Merlin und Morgana eventuell gegeneinander kämpften? Jetzt? Doch wie sollte Merlin gegen Morgana gewinnen, wenn sie in der Lage war, sich alle Macht die er hatte, einzuverleiben und dann gegen ihn zu verwenden? Leeana wurde schlecht, denn sie begriff nun, was das vermutlich bedeutete. Merlin würde sterben - jetzt und hier - und die letzten Worte, die sie ihm ins Gesicht geschleudert hatte, waren “ich hasse dich” gewesen…

Leeana brach zusammen. Das hielt sie nicht aus. Nein, sie hasste ihn nicht, dass musste er doch wissen! Sie wollte hier raus! Sie wollte zu ihm, wollte ihm sagen, dass sie ihn liebte, dass er immer noch ihr großer Bruder für sie war und sie ihm unendlich dankbar war, für alles was er für sie getan hatte!
Sie sprang auf und raste zu den Gitterstäben um daran zu rütteln und schrie dabei nach Merlin. Natürlich brachte es keine Wirkung. Elle lief ihr nach und zog sie fort - um sie an sich zu pressen: “Schon gut.. Schsch… Es ist gut… Alles ist gut… Beruhige dich….” Doch im Grunde wusste sie, dass nichts gut war. Auch sie wusste nicht, ob sie Merlin jemals wieder sehen würden. Und sie wusste noch etwas: Wenn Morgana diesen Kampf gewinnen würde, gab es für sie alle kein Morgen mehr. Leeana war weinend in ihren Armen zusammen gebrochen und wiederholte immer und immer wieder, wie leid es ihr tat und dass sie Merlin nicht hasste.
Jade stand neben den beiden und auch ihr liefen die Tränen über die Wangen. Elle streckte ihre Arme ebenfalls nach ihr aus und auch sie ließ sich hinein fallen. Und so blieben sie sitzen. Elle mit den beiden Mädchen in den Armen, denen sie verzweifelt Trost zu spenden versuchte, ohne selbst zu wissen, ob es Hoffnung für sie gab…


Währenddessen war Arthur zu Nirar geführt worden und trat in dessen Raum ein. Er wusste überhaupt nicht, was er hier sollte. Und das sagte er dann auch. Lautstark polternd sprach er: “Was wollt Ihr von mir? Sagt mir den Grund, weshalb Ihr meint, dass ich mein “komfortables” Heim verlassen sollte?” Nirar lächelte. Er hörte wohl den Sarkasmus aus Arthurs Stimme, doch er ignorierte ihn. Dann verbeugte er sich leicht vor Arthur und bat ihn, zu ihm vorzutreten, was dieser nach einem kurzen Zögern auch tat: “Und, was nun?” fragte Arthur, immer noch nicht begreifend.
Nirar sah ihn an und in seinen Augen blitzte etwas auf, was Arthur nicht gefiel - ganz und gar nicht gefiel… “Was?” fragte er noch einmal. “Sagt mir endlich, was Ihr von mir wollt - weshalb bin ich hier?” wiederholte er noch einmal.
Nun wurde Nirar ernst. Nach einigen Sekunden sprach er schließlich: “Nun, ich dachte, Ihr würdet es wissen wollen, wenn das Großereignis eintritt, und gegebenenfalls auch dabei sein wollen - zumindest als Zuschauer. Ist es nicht so?” Arthur verstand ihn nicht. “Was meint Ihr? Was für ein Großereignis??” fragte er erneut.
Nirar trat noch näher an das Fenster heran, vor dem er stand und winkte Arthur zu sich. Dann zeigte er nach unten. “Dieses Großereignis, “Mylord” - jetzt wird sich zeigen, welche Seite triumphieren wird!”

Arthur runzelte die Stirn und sah nach unten. Er erblickte eine Art Arena, in der zwei Menschen lagen. Anscheinend ohne Bewusstsein.. Und dann wurden seine Augen groß, als er sie erkannte. Das war nicht möglich! Bis jetzt hatte er sich eingebildet - sich einbilden wollen! - dass dieser Nirar nur einen Scherz machte. Einen miesen, makabren Scherz - aber es nicht wirklich Ernst gemeint hatte, als er von dem Kampf zwischen Morgana und Merlin gesprochen hatte. Immerhin musste auch er wissen, was auf dem Spiel stand, sollte Morgana gewinnen… Doch nun wusste er, dass Nirar es ernst gemeint hatte; todernst um genau zu sein.

Er blickte ihn an und in seinen Augen war zu lesen, was er dachte: “Hört sofort damit auf! Bringt die beiden zurück, bevor sie erwachen! Ihr wisst, dass Morgana stark ist - und ich vermute, Ihr wisst auch, zu was sie in der Lage ist! Sie wird Merlins Macht in sich aufnehmen, und wenn es ihr gelingt, ihn zu töten..” Nirar ließ ihn nicht ausreden: “Habt Ihr so wenig Vertrauen zu Eurem Magier, Mylord? Euer Zauberer? Der die Künste der Weißen Magie so gut beherrscht, wie kein anderer? Wieso lasst Ihr nicht die Mächte entscheiden? Das Schicksal, wenn Ihr es so nennen wollt? Im Übrigen, es gibt keine andere Möglichkeit mehr; Seht, sie erwachen - die Spiele können beginnen. Mögt Ihr Wein?” Und er ließ sich von seinem Diener einen großen Krug des köstlichen Getränkes bringen.

Arthur schnürte es die Kehle zu. Er wollte sich am Liebsten auf ihn stürzen, ihn mit seinen Händen erwürgen, denn sein Schwert hatten sie ihm abgenommen. Doch vor der Tür standen die Wachen und Arthur wusste, dass sie ihn töten würden, bevor er in der Lage wäre, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Er hatte keine andere Wahl. Einer der Diener trat auch neben ihn und wollte ihm ebenfalls einen Krug reichen, doch Arthur schlug ihm diesen aus den Händen. Dann ging er ohne ein Wort ganz dicht an das Fenster heran und presste sich so gut es ging daran. Er würde bei Merlin sein; auch, wenn er nicht körperlich bei ihm sein und ihn in dieser schweren Stunde beistehen konnte, er wäre es in Gedanken. “Sei stark, Merlin! Du schaffst das! Du musst das schaffen; für mich, für Camelot - und für unsere Freundschaft!” murmelte er, während er fassungslos mit ansehen musste, wie unter ihm die beiden Erzrivalen langsam realisierten, wo sie waren. Der Kampf begann…

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Christal, 31
Traumland